Eine Geschichte „Die drei Siebe des Sokrates“

Eines schönen Tages kam ein junger Mann zu Sokrates. Er war ganz außer Atem und voller Aufregung. „Sokrates! Sokrates! Hast du schon gehört, was dein Freund getan hat? Das muss ich dir unbedingt erzählen.“

Sokrates unterbrach den jungen Mann und fragte: „Hast du das, was du mir erzählen willst, auch durch die drei Siebe gesiebt?“

„Welchen drei Sieben?“, fragte der Mann voller Verwunderung.

Sokrates erwiderte: „Wenn das, was du mir erzählen willst, durch die drei Siebe passt, dann will ich dir gerne zuhören.“

„Das Erste ist das Sieb der Wahrheit. Hast du geprüft, ob das, was du mir erzählen willst, auch wirklich wahr ist?“

„Ja, eigentlich nicht. Der Nachbar meines Freundes hat es….“

„Aha.“, unterbricht ihn der Weise.

„Du hast aber sicher mit dem zweiten Sieb geprüft. Das Zweite ist das Sieb der Güte. Wenn es schon nicht erwiesenermaßen wahr ist, dann ist es doch sicherlich gut, oder?“

Der Mann tritt etwas verlegen von einem Bein auf das andere. „Nein, es ist nicht gut. Ganz im Gegenteil.“

„So, so.“, bemerkte Sokrates.

„Dann trifft jedoch bestimmt das dritte Sieb zu. Es ist sicherlich notwendig, dass du mir das Geschehene erzählst und es hat für alle Beteiligten einen Nutzen.“

Der Mann antwortet etwas zögernd und sehr leise: „Einen Nutzen hat es gerade nicht, aber…“

Sokrates lächelt ihn an. „Wenn das, was du mir erzählen willst, weder erwiesenermaßen wahr, noch gut, noch notwendig ist, lassen wir dieses lieber sein und du belastest dich und mich nicht mit dieser Geschichte.“

Gespräche im Projektalltag

Ich sitze mit meinem Kollegen am Schreibtisch. Es ist noch sehr früh am Morgen. Wir sind noch alleine. Wir hatten wieder einmal eine lange, arbeitsreiche Nacht hinter uns und ich bin noch müde und genervt.

„Das muss ich dir unbedingt erzählen. Weißt du, was mir gestern beim Kunden noch passiert ist. Das glaubst du nicht…“

Und schon sind wir mitten im Gespräch über die Unzulänglichkeiten des Kunden, der Kollegen, der fehlerhaften Software und den Schwierigkeiten, die daraus resultieren.

Das erste Sieb: „Ist es wirklich wahr?“

Ist es wirklich wahr, dass der Kunde wirklich das Problem ist? Ist es nicht vielmehr so, dass wir ohne den Kunden nicht einmal einen Auftrag hätten?

Könnten die Schwierigkeiten vielleicht daran liegen, dass der Kunde lediglich eine andere Betrachtungsweise hat, die wir einfach noch nie innehatten?

Vielleicht hat der Kunde auch nur einen schlechten Tag. So wie auch wir gelegentlich mal einen schlechten Tag haben.

Zu schnelle Urteil

Früher war ich Meister darin alles persönlich zu nehmen. Jede Terminverschiebung, jede schlechte Laune des Kunden oder meiner Mitarbeiter, die unwilligen Antworten des Supports und selbst die Softwarefehler waren persönliche Angriffe für mich. Ohne zu prüfen, ob es auch wirklich so war, hatte ich bereits mein Urteil gefällt.

Alles war gegen mich. Je größer der Stress wurde und je weniger Energie ich hatte, desto schlimmer wurde das.

Welche Geschichten erzählst du?

Auch heute passiert es mir gelegentlich, dass ich merke, wie ich ein Urteil über eine Person oder über eine Situation fälle, ohne genau zu wissen, was eigentlich wirklich passiert ist. Ohne zu wissen, was die wahren Hintergründe sind.

Meist werde ich mir dessen sehr schnell bewusst und ich schaue noch ein zweites Mal hin. Immer wieder entdecke ich, dass es meistens gute Gründe für ein aus meiner Sicht äußerst seltsame Verhaltensweise gibt.

Welche Geschichten erzählst du?

  • Sind die Geschichten, die du über andere Menschen erzählst, wahr?
  • Bist du dir ganz sicher oder glaubst du es nur?
  • Hast du schon mal nachgefragt?
  • Oder hast du lediglich gehört, dass…?

Das zweite Sieb: „Ist es gut?“

Nein, gut waren unsere Geschichten im Projektalltag nur selten. Sie handelten von unfähigen Programmierern, ahnungslosen Usern, anstrengenden Kunden und schlecht programmierter Software.

Wenige Menschen erzählen von den Dingen, die gut gelaufen sind. Dabei gibt es jeden Tag neben den zwei, drei Dingen, die schief laufen, unzählige Dinge, die gut laufen und die uns zum Lachen gebracht haben.

  • Wie oft erzählst du die Dinge, die an deinem Tag gut gelaufen sind?
  • Sind nur die großen Erfolge erwähnenswert?
  • Wovon handeln deine Geschichten?

Die Energie folgt der Aufmerksamkeit

Ist unser Fokus zu sehr mit den negativen Dingen verhaftet, übersehen wir unsere positiven Erlebnisse sehr schnell.

Oft bekommen wir auch mehr Aufmerksamkeit von unseren Kollegen, unserem Partner und unseren Freunde, wenn wir von Dramen und den Unzulänglichkeiten anderer Menschen berichten. Und wir fühlen uns mit unseren eigenen Schwächen nicht mehr so alleine und können sogar noch von unserer eigenen Unvollkommenheit ablenken.

Manchmal artet das Ganze in einen regelrechten Wettkampf aus. Wer hatte den schlechteren Tag? Wer kann mit schlimmeren Geschichten und übleren Kunden aufwarten?

Sieb 3 – „Hat es einen Nutzen?“

Nutzt es mir oder den anderen, wenn ich den ganzen Tag über die Unfähigkeit meiner Mitarbeiter schimpfe? Nein, ganz ehrlich nicht.

Weder finden wir durch Jammern und Beschweren eine Lösung für bestehende Probleme, noch verbessert es unser Verhältnis zu unseren Mitmenschen.

Wie Paul Watzlawick sagt. „Wir können nicht nicht kommunizieren.“ Das heißt, auch wenn wir unseren Kunden oder Mitarbeitern nicht direkt sagen, was wir von ihnen halten, drücken unsere Körpersprache und das, was wir auf energetischer Ebene aussenden, Ablehnung aus.

Damit sind Konflikte aller Art vorprogrammiert.

Wieviel Zeit für konstruktive Gespräche würde entstehen, wenn wir all das weglassen, was keinen Nutzen hat. Vielleicht doch öfter einfach einmal still sein?

Mediendiät als Folge der drei Siebe

Ein Grund, warum ich aufgehört habe Zeitung zu lesen und Nachrichten zu schauen, sind die drei Siebe.

In den Medien wird meist nur eine einzige Wahrheit berichtet. Neben dieser Wahrheit gibt es noch viele andere. Und setzt man diese zusammen, ergibt sich oft ein ganz anderes Bild.

Die Meldungen in unserer heutigen Zeit sind zum größten Teil negativ. Sie machen mir schlechte Laune und manchmal sogar Angst. Das will ich nicht haben.

Haben die meisten Nachrichten einen Nutzen? In meinen Augen nicht. Ich kann nichts dagegen tun, wenn ein Attentäter ein Flugzeug in ein Hochhaus rammt. Und es hat auch keinen Nutzen zu erfahren, wenn in China ein Sack Reis umfällt.

Wenn es mich in irgendeiner Weise betrifft, erfahre ich davon. Da bin ich mir ganz sicher.

Investition in das, was ich beeinflussen kann

Die Zeit, die ich sonst für Nachrichten und Co aufgewendet habe, investiere ich heute lieber in Informationen, die mich und andere tatsächlich weiterbringen.

Ich kann Menschen dabei helfen einen Weg aus dem Stress zu finden und somit ein glückliches und kraftvolles Leben zu führen. Deshalb beschäftige ich mich gerne mit Themen wie Burnout, Stress, Resilienz, Entspannung, Gehirnforschung und was es nicht sonst noch so alles gibt.

Ich kann meinem Mann und meiner Tochter eine gute Begleiterin auf Ihrem Weg sein. Ich kann Bio einkaufen und Müllvermeiden, um unsere Umwelt zu schonen. Und vieles mehr.

Geschichten verändern deine Welt

Heute bin ich sehr vorsichtig mit Geschichten über andere Menschen. Ich erzähle viel lieber Geschichten von Menschen, die etwas Tolles geleistet haben. Von neuen Erkenntnissen, von Dingen, die ich beobachtet habe, die ich faszinierend finde und die mich inspirieren.

Ja, es kann sein, dass Menschen, die Ihr Drama lieben, sich nicht mehr so gerne mit dir treffen. Dafür ist bei mir Platz für viele interessante, spannende und gleichgesinnte Menschen entstanden, die mein Leben Tag für Tag bereichern. Und dafür bin ich zu tiefst dankbar.

Willkommen im Leben.

Herzliche Grüße,