Gefangen zwischen Zeitplan und Verkehrschaos

Ich stehe im Bus und schaue auf meine Uhr. Oh nein. In 3 Minuten bin ich zu einer Wohnungsbesichtigung im Münchener Süden verabredet. Was macht es für einen Eindruck, wenn ich zu spät komme. Und die Wohnungssuche in München ist alles andere als einfach.

Auf der Straße bewegt sich absolut nichts. Der Bus steht seit mehreren Minuten am selben Platz. Dabei sind es nur noch eine Minute zur Haltestelle und ungefähr zwei zu dem Gebäude, in dem die Besichtigung stattfindet.

Ich frage den Busfahrer, ob er mich rauslassen kann, damit ich es noch pünktlich zu meinem Termin schaffe. Er schaut mich an als hätte ich ihn gefragt, ob ich seine Oma entführen will. „Was denken Sie sich! Ich kann Sie doch nicht mitten auf der Straße rauslassen! Haben Sie eine Idee, was das bedeutet!“ Er hat ein rotes Gesicht, spricht laut und unfreundlich. Es blieb mir nichts anderes übrig als geduldig zu warten und zu hoffen, dass der Vermieter Verständnis hat.

Ein öffentlicher Nahverkehr ohne feste Zeiten?

In Mexiko lernte ich, dass das Bussystem auf dem Land flexibel ist. Ein Einheimischer gibt mir den Tipp: “Du läufst einfach die Straße entlang und wenn ein Bus vorbeifährt und du mitmöchtest, bleibst du einfach stehen und winkst.” Genauso einfach funktionierte es, wenn ich aussteigen will: einmal klopfen und schon hält der Bus am Straßenrand und ich kann meiner Wege gehen.

Diese flexiblen Fahrpläne sind in unserer westlichen Welt unvorstellbar. In den letzten Monaten bin ich öfter mal in München U-Bahn gefahren. Für die U-Bahnfahrer ist es, glaube ich, gar nicht einfach den straffen Fahrplan einzuhalten. Und immer wieder gibt es Fahrer, die herzhaft schimpfen, wenn sich ein eiliger Fahrgast noch schnell nach dem „Zurückbleiben bitte!“ noch in die Bahn quetscht. „Zefix. Zruckbleim hob i gsogt.“

Selbst wenige Sekunden Verspätung summieren sich im Laufe des Tages auf und sind bei einem Drei-Minutentakt praktisch nicht mehr einholbar und bringen das ganze System ins Wanken.

Ein Land, das aus der Zeit gefallen scheint

Noch extremer erlebe ich ein anderes Verständnis von Zeit in Asien. Während unserer Reise durch Burma sind wir auf dem Irravaddy mit dem Schiff von Bhamo nach Mandalay gefahren. Geplant waren zwei Tage. Das Schiff beförderte ca. 10 Touristen aus allen möglichen Ländern, und der Rest waren Bauern, die Ihre Ware in Mandalay auf dem Markt verkaufen wollten.

Als wir in Bhamo waren, haben wir erfahren, dass das Schiff erst einen Tag später kommt. Also hatten wir noch etwas Zeit die Gegend von Bhamo zu erkunden. Auf der Fahrt sind wir öfters mal im Sand des Flusses steckengeblieben. Die Besatzung war bemüht mit großen Stämmen das Schiff wieder freizulegen. Somit waren wir drei anstatt zwei Tage unterwegs.

Für uns bedeutete diese spätere Ankunft unser Programm für die restlichen Urlaubstage etwas abzuspecken; und damit ist der Abstecher ans Meer ausgefallen. Für andere Touristen war das durchaus anstrengender, da sie ihren Flieger bekommen mussten. Manch einer hat auf halber Strecke das Boot verlassen und hat auf dem Landweg versucht schneller das gewünschte Ziel zu erreichen. Selbst im Urlaub sind wir nicht frei von Zeit.

Lediglich die Bauern saßen völlig entspannt und geduldig auf der großen Ladefläche des Schiffes und ergaben sich in ihr Schicksal. Das ist etwas, was mich in Asien schon immer fasziniert hat. Mit welcher Geduld die Menschen dasitzen und warten bis der Bus, der Zug oder das Schiff kommt. Denn Abfahrtszeiten sind oft Makulatur oder erst gar nicht bekannt.

Woher kommen diese Unterschiede?

Es gibt in den verschiedenen Kulturen unserer Erde völlig unterschiedliche Zeitverständnisse.

Ein monochrones bzw. lineares Verständnis der Zeit ist in unserer westlichen Welt ein gängiges Modell. Dieses macht die Zeit greifbar und sie wird zu einer Ressource, die knapp werden kann und die man somit gut verwalten muss. Wir können Zeit gewinnen, verlieren, sie sparen oder auch mal die Zeit vergessen. Tätigkeiten und Interaktionen werden durch Zeitpläne geregelt. Sie werden nacheinander aufgereiht und erledigt. Zeit ist Geld und Pünktlichkeit ist ein wichtiger Wert, besonders für uns Deutsche.

Ein polychrones bzw. zyklische Verständnis der Zeit habe ich auf meinen Reisen kennen gelernt. Für Menschen mit diesem Verständnis ist die Zeit ein Element der Natur und nicht beeinflussbar. Man kann sie nicht  planen, sparen oder verlieren. Tätigkeiten werden der Wichtigkeit nach ausgeführt. Sind sie plötzlich nicht mehr wichtig oder ist eine andere Sache wichtiger, wird die aktuelle Tätigkeit unterbrochen. Zeit ist einfach da und Warten völlig normal, weil ja alle Menschen ausreichend Zeit haben.

Unsere Leistungsgesellschaft ist minutengenau getaktet

In unserer durchorganisierten Zeit ist Warten unnötig und bedeutet einen Verlust. Unpünktlichkeit ist respektlos und unhöflich. Wir regen uns oft schon über wenige Minuten Verspätung auf. Oder wir sind gestresst, wenn der zunehmende Verkehr uns kostbare Lebenszeit raubt.

In unserer modernen Arbeitswelt gibt es immer mehr internationale Projekte. In vielen meiner IT Projekte arbeiteten Mitarbeiter aus Asien, Amerika und Europa. Alle mit unterschiedlichen Werten und unterschiedlichem Zeitverständnis. Da sind Missverständnisse und Ärger vorprogrammiert. Wer hat Recht? Haben wir ein Recht auf Pünktlichkeit oder ist es richtig, dass wir alle mehr als genug Zeit haben?

Nur wenn wir die Unterschiede in unseren Wertegerüsten kennen und bereit sind gelegentlich mal die Perspektive zu wechseln, können wir uns wirklich verstehen und für alle Seiten gewinnbringend zusammenarbeiten.

Vielleicht sollten wir es öfter mal wie Momo halten

„Es gibt ein großes und doch ganz alltägliches Geheimnis. Alle Menschen haben daran teil, jeder kennt es, aber die wenigsten denken je darüber nach. Die meisten Leute nehmen es einfach so hin und wundern sich kein bisschen darüber. Dieses Geheimnis ist die Zeit. Es gibt Kalender und Uhren, um sie zu messen, aber das will wenig besagen, denn jeder weiß, dass einem eine einzige Stunde wie eine Ewigkeit vorkommen kann, mitunter kann sie aber auch wie ein Augenblick vergehen – je nachdem, was man in dieser Stunde erlebt. Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.“

Auch wenn es in unserer modernen Welt nicht immer einfach ist aus der Zeit zu fallen, so habe ich durch meine Reisen gelernt Momente des Wartens anzunehmen und die Zeit zu nutzen, um einfach mal nichts zu tun und das eine oder andere Loch in die Luft zu starren. Das entspannt ungemein.

Herzliche Grüße,