Kennst du Cargo-Kulte? Bis vor kurzem war mir der Begriff nicht geläufig. Vor kurzem habe ich in einem Buch von Gunter Dueck zum ersten Mal darüber gelesen. Ein äußerst interessantes Phänomen. Cargo-Kult bezeichnet eine Erscheinung, bei der etwas imitiert wird, ohne den dahinter liegenden Sinn zu erfassen. Der Begriff lässt mich nicht mehr los. Ist es doch eine perfekte Metapher dafür, über was mir viele Mitarbeiter berichten, wenn ich meine Vorträge und Workshops halte.

Was ist denn nun eigentlich ein Cargo-Kult?

Entstanden ist dieser Kult durch die Begegnung von Naturvölkern mit der zivilisierten Welt. Amerikaner sind zu Zeiten des zweiten Weltkrieges mit ihren Flugzeugen auf den Inseln von Melanesien gelandet. Es wurden Landebahnen sowie Tower gebaut und Flugzeuge brachten Nachschub für die Soldaten. Die Eingeborenen standen am Zaun und haben über das Geschehen gestaunt. In ihrem Verständnis mussten die Flugzeuge Götter sein. Die Einheimischen bekamen von den Weißen Geschenke, wie Kleidung, Besteck oder sie bedienten sich selbst an den Müllbergen.

Ein Kult entsteht

Nach dem Abzug der Truppen kamen die Eingeborenen auf die Idee die fliegenden Götter wieder anzulocken, um weiterhin Geschenke zu erhalten. Sie begannen die Verhaltensweisen der Weißen nachzuahmen. Sie bauten kleine Landebahnen, einen Tower und steckten Stöcke als Antennen in die Erde. Es wurden sogar Flugzeug-Attrappen aus Holz und Blättern angefertigt. Leider kamen keine Flugzeuge mehr. Am Ende blieben die Legenden über die fliegenden Götter, die Cargo (englisch für Fracht) gebracht haben. Ein neuer Kult war geboren.

Wen es interessiert, kann mal Cargo-Kult bei YouTube eingeben. Da gibt es interessante Videos zu sehen.

Cargo-Kulte der Moderne

Heute wird der Begriff auch in unserer modernen Business Welt genutzt. Es lassen sich bei längerem Nachdenken viele solcher Kulte finden.

Ein Cargo-Kult ist häufig die Erstellung von Unternehmenswerten. Es gibt einen Workshop der Unternehmensführung in einer schicken Lokation. Nach zwei oder drei Tagen haben sich die Führenden der Organisation auf ein paar wohlklingende Werte geeinigt, die die Präsentation des eigenen Produktes oder Dienstleistung unterstützen soll. Diese Werte hängen dann wohl designt in Hochglanz sehr dekorativ an den Wänden der Geschäftsräume. Nur auf das Miteinander, die Arbeitsweise und den Umgang mit dem Kunden haben sie keinen oder nur sehr wenig Einfluss.

Agilität: Notwendigkeit oder Cargo-Kult?

Ein aktuell sehr verbreiteter Cargo-Kult ist die Agilisierung von Unternehmen. Oft werden nur oberflächliche Innovationen eingeführt. Seien es die Sitzsäcke in hippen Büros für hippe Mitarbeiter, ein Kicker gehört natürlich auch dazu. Mit Hilfe von Daily Standups und mit der Abschaffung von Einzelbüros wird die Kommunikation gefördert.

Ich selbst habe jahrelang als IT-Consultant in großen Unternehmen gearbeitet und habe die Digitalisierung aktiv mit vorangetrieben. Ich bin der Ansicht, die Agilisierung der IT in Unternehmen war mehr als überfällig. Wir brauche Sie, um näher am Kunden und dessen Bedürfnissen zu sein. Wir brauche sie auch, um mehr wertschöpfende Arbeit zu erledigen anstatt einer Vielzahl von Dokumenten zu erstellen, die am Ende eh keiner mehr liest und die genau wie die Entwicklung nach einem halben Jahr schon viel von ihrer Gültigkeit und ihrem Nutzen eingebüßt haben.

Wie und warum wird ein Unternehmen agil?

In meinen Workshops erlebe ich immer wieder, dass Agilität in Unternehmen bereits ein verbrannter Begriff ist: „Hören Sie uns auf mit Agilität. Nichts als Chaos. Alles ist nur noch schneller und undurchsichtiger geworden. Ich habe jetzt erstrecht keine Zeit mehr für meine Mitarbeiter. Wir haben nicht mal mehr Zeit einen Projekterfolg zu feiern. Es geht sofort nahtlos in das nächste Projekt.“

Wenn Agilität lediglich eingeführt wird, um für noch weniger Kosten mehr Arbeit, bessere Qualität und höhere Gewinn zu erzielen und somit den Mitarbeitern noch mehr Leistung abverlangt wird, dann wird sich der Erfolg nicht wirklich einstellen. Der Stresslevel steigt und die Ergebnisse werden dies wiederspiegeln.

Gesunde Führung als Cargo-Kult?

Auch bei meinem Thema Resilienz und gesunde Führung erlebe ich immer wieder solche Cargo-Kulte.

„Wir haben schon eine Obstschale in der Kaffeeküche und einen Wasserfilter. Bei uns kommt sogar einmal die Woche ein Masseur und jeden Freitag gibt es Yoga in der Mittagspause.“

„Können Sie bitte einen Vortrag über das Thema Verantwortung und Stress-Prävention halten. Unsere Mitarbeiter sind etwas überempfindlich. Sie machen zu schnell krank und sind nicht mehr bereit Verantwortung zu übernehmen.“

Bei meiner Frage, wer die Teilnehmer des Vortrages sind und ob es auch darum geht, was das Unternehmen tun kann, kommt in vielen Fällen sehr schnell die Antwort, nein es geht nur um die Mitarbeiter. Gelegentlich finde ich im Internet Bewertungen von Mitarbeitern über das betreffende Unternehmen. Wenn ich diese lese, sind die hohen Ausfallquoten durchaus verständlich und bedürfen allerdings anderer Maßnahmen.

Wer trägt die Verantwortung?

Ja, es ist richtig, ein Mitarbeiter kann viel tun, und es ist sogar unerlässlich, dass er die Entscheidung für notwendige Veränderungen trifft und aktiv die Verantwortung übernimmt, um aus dem Burnout oder dem Stress herauszukommen.

Allerdings braucht er auch eine Umgebung, in der das erlaubt und bestenfalls sogar gewünscht ist. Was wir oft vergessen, ist, dass das Verhalten von Menschen auch immer etwas mit dem System zu tun hat, in dem sich dieser bewegt.

Persönlichkeitsentwicklung statt schneller Tricks

Wir brauchen einen anderen Ansatz. Es geht darum tatsächlich den Menschen (Mitarbeiter und Kunde) und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt zu stellen.

  • Es geht darum, dass wir uns alle selbst besser verstehen.
  • Es geht darum, dass wir verstehen, welche Mechanismen wir in Gang setzen, wenn wir kommunizieren und wenn wir handeln wie wir handeln.
  • Es geht darum, dass wir uns gegenseitig wieder zuhören wollen und auch Zeit dazu haben.
  • Es geht um die Bereitschaft uns weiterzuentwickeln und unseren Teil der Verantwortung aktiv zu übernehmen, egal ob Unternehmer, Führungskraft oder Mitarbeiter.

Offener Austausch, wirkliches Zuhören, innere Haltung statt schneller Lösungen

Es reichen nicht die 10 besten psychologischen Tricks wie ich als Führungskraft meine Mitarbeiter manipulieren kann. Wenn ich so tue, als würde ich meine Mitmenschen mögen und als würde ich ihre Arbeit wertschätzen, dann ist das in meinen Augen ein Cargo-Kult. Dieser hat definitiv nicht den gleichen Effekt, wie wenn ich wirklich bereit bin andere Menschen zu verstehen, mit ihnen zu fühlen und ein echtes Interesse habe.

Nur wenn wir bereit sind hinter diese Kulte zu schauen, und wir den tieferen Sinn verstehen, können wir echte Innovationen und neue Kulturen schaffen, in denen Erfolg und Wohlbefinden kein Widerspruch mehr sind. Und damit die Vision von „New Work“, wie sie Frithjof Bergmann geprägt hat, realisieren.