„Es ist gerade etwas stressig!“

Wir sitzen gemütlich beim Kaffee. Auf meine Frage „Wie geht es dir?“ antwortet mein Kollege mit „Eigentlich ganz gut. Im Moment ist es gerade mal wieder etwas stressig.“

Ist dein Leben nur gerade etwas stressig? Oder ist dein ganzes Leben seit geraumer Zeit etwas stressig?

Als ich kurz vor dem Zusammenbruch stand, habe ich dieselbe Frage sehr ähnlich beantwortet. Ich war lange der festen Meinung, ich brauche nur ein paar Tage Auszeit. Mal wieder zur Ruhe zu kommen, dann ist alles wieder gut. Nein, nach ein paar Tagen Ruhe war nicht alles wieder gut und auch nicht nach ein paar Wochen. So war es ganz und gar nicht.

Der Weg zurück ins Leben ist ein Prozess

Burnout ist ein Prozess, der sich oft schleichend entwickelt. Genauso ist nach meiner Erfahrung auch der Weg zurück ins Leben ein Prozess, der etwas Zeit in Anspruch nehmen darf.

Ich brauchte einen siebenwöchigen Klinikaufenthalt. Ich brauchte eine Reihe von Erkenntnissen. Ich brauchte schrittweise Veränderungen in meinem Leben. Ich brauchte nach der Klinik mehr als ein Jahr, bis ich das Gefühl hatte, jetzt bin ich aus dem Gröbsten raus. Und es war wirklich erst das Gröbste.

Ich brauchte viele weitere Jahre, um meinen Darm und mein Immunsystem wieder zu heilen und zu stärken. Und ich lerne immer noch jeden Tag dazu. Durch Bücher, Seminare, Achtsamkeit und viele liebe Menschen, die mir helfen mein Bewusstsein zu schärfen.

Schritt 1: Sei ehrlich zu dir selbst!

Ehrlichkeit ist der erste Schritt auf dem Weg zurück ins Leben. Nur durch Ehrlichkeit mit dir selbst ist es überhaupt möglich dir Unterstützung zu suchen und den Weg heraus aus der Depression und der Erschöpfung zu finden.

So lange ich mir in die eigene Tasche gelogen habe und das Problem im Außen gesehen habe, war ich gezwungen zu warten bis sich andere Menschen oder Situationen ändern. Ich musste warten bis der Kunde den Wert meiner Arbeit gesehen hat. Ich musste warten bis die Arbeitslast weniger wurde. Ich musste warten bis ich Unterstützung aus meinem Unternehmen bekam. Ich musste warten bis endlich alle Verständnis für meine Situation hatten.

Bist du ehrlich zu dir selbst?

Wo fühlst du dich als Opfer der Umstände?

Wo fühlst du dich als Opfer anderer Menschen?

Was ist es wirklich was dich ärgert oder aufregt?

Wofür hilft dir dein heutiges Verhalten? (Bekommst du vielleicht Aufmerksamkeit, Anerkennung, …)

Warum ausgerechnet ich?

Eine Frage hat mich lange beschäftigt: Warum gibt es Menschen, die viel mehr Verantwortung tragen und täglich vor einem größeren Berg Probleme stehen als ich damals und nicht ausbrennen? Wie machen die das?

Heute kann ich diese Frage für mich beantworten und sie ist zweigeteilt.

Das Ziel, was ich vor Augen hatte, war nicht mein eigenes Ziel. Software hat mich nie inspiriert. Ich habe die IT gewählt, weil ich Angst vor Stillstand hatte. Ich wollte eine Branche, die sich schnell entwickelt, in der ich nie aufhöre zu lernen. Ich habe noch nie zu Hause lange vor dem Computer gesessen und mein Interesse an der neuesten Computertechnik hält sich in Grenzen.

Der andere Grund ist die innere Haltung, mit der ich an manche Dinge herangegangen bin. Ich durfte keine Fehler machen. Ich wollte alles am besten sofort erledigt haben. Und ich wollte, dass alle mit meiner Arbeit zufrieden sind. Ich dachte, die Welt dreht sich nicht ohne mich.

Darfst du Fehler machen?

Hast du das Gefühl, dich immer beeilen zu müssen?

Willst du es allen recht machen?

Muss Arbeit anstrengend sein, damit sie etwas wert ist?

Oder musst du immer stark sein und darfst keine Schwäche zulassen?

Burnout ist das Ergebnis eines Verhaltens

Durch meine damalige Haltung habe ich meine Prioritäten völlig verschoben. Ich habe tragende Säulen meines Lebens, wie Sport, Freund und Freizeit völlig aus meinem Leben verbannt. Auch die Zeit, die ich in meine Beziehung investiere, habe ich auf ein Minimum reduziert.

Das Projekt war allgegenwärtig und hat mich selbst bis in den Schlaf begleitet. Meine völlige Erschöpfung war also lediglich eine Folge meines Verhaltens.

Es ist meine Entscheidung!

Das war der Wendepunkt. Mein Verhalten war der Grund meines Burnouts. Das war die entscheidende Erkenntnis, jetzt konnte ich aktiv werden.

Es ist meine Entscheidung, wie ich mich verhalte. Es ist meine Entscheidung, ob ich die Standpauke meines Kunden als persönlichen Angriff werte oder als die Folge seiner schlechten Laune sehe.

Jetzt war ich an dem Punkt, an dem es für mich möglich wurde aktiv zu werden und aus der „Ich-bin-so-hilflos-Nummer“ heraus zu kommen.

An welcher Stelle kannst du deine eigene Entscheidung treffen?

Wo kannst du dein Verhalten verändern, um die erste Veränderung zu bewirken?

Gehe einen Schritt nach dem anderen

Manchmal sind wir geneigt viele Schritte gleichzeitig gehen zu wollen. Alles auf einmal zu ändern, kostet ziemlich viel Kraft. Und Kraft ist im oder am Rande eines Burnout nicht mehr so üppig vorhanden ist.

Höre auf zu kämpfen. Betrachte deine Situation ehrlich und nehme Sie an, so wie sie ist.

Du bist nicht falsch. Lediglich dein Verhalten ist nicht zielführend.

Es gab früher Mal eine Situation, in der dir dieses Verhalten genutzt hat: Deshalb hast du es gelernt. Nur heute bringt es dich in die Erschöpfung und trennt dich von dir und deinem Leben.

Entscheide dich für ein neues Verhalten, das du gerne in deinem Leben haben möchtest. Und beginne mit dem ersten Schritt.

Feier deine Erfolge und sind sie noch so klein.

Feier jeden Erfolg. Und für den Fall, dass du wieder mal in dein altes Verhalten zurückfällst, feiere deine Wachheit, feiere jede neue Erkenntnis.

Werfe gelegentlich einen Blick zurück

Solltest du in einer Phase stecken, in der du den Eindruck hast, du kommst nicht voran: bleib stehen. Blicke zurück. Und dann schaue auf deine Gegenwart. Für mich waren das immer wertvolle Momente, in denen ich erkannte hatte:

“Wow, das habe ich alles schon geschafft! So vieles hat sich schon geändert und so viel Schönes und Gutes ist bereits in mein Leben gekommen.”

Mich erfüllen solche Momente mit tiefer Dankbarkeit und viel Mut, Freude und Kraft für die Entwicklungsschritte, die noch auf mich warten.

Es gibt für jeden einen Weg zurück ins Leben

Und wenn du es nicht alleine schaffst, hol dir Hilfe, bei einem Freund, bei deinem Partner, bei deinem Hausarzt oder bei einem Coach deines Vertrauens.

Komm ins Tun. Nur in dem Du die Verantwortung für Dein Leben übernimmst, findest du nicht nur raus aus dem Stress, sondern auch zurück ins Leben.

Verantwortung heißt manchmal auch, sich an der richtigen Stelle Hilfe zu holen.

Das Leben ist schön!

Alles Liebe,

Silke Wolf