Getriebene unserer Zeit oder die 80%-Gesellschaft

Immer häufiger höre ich von Menschen „Ich will mir mal wieder die Zeit nehmen, um etwas perfekt zu machen!“ oder „In unserer Unternehmenskultur kann ich die Dinge nicht mehr perfekt machen. Alles ist der 80/20 Regel (Pareto Prinzip) unterworfen. Für mich als jemanden, dem es wichtig ist, die Dinge richtig zu machen, ist das äußerst unbefriedigend.“

Als Coach für Burnout Prävention horche ich sofort auf, wenn ich das Wort perfekt höre. Ist nicht der Treiber „Sei perfekt!“ eine große Ursache allen Übels? Ja, das stimmt. Perfektionismus kann einen Menschen direkt ins Burnout treiben.

Als ich genauer nachgefragt habe, wurde mir klar: Das „perfekt“, was diese Menschen meinen, ist nicht das „perfekt“, welches andere ins Burnout führt. Damit eine Erschöpfung entsteht, muss der Perfektionismus tatsächlich erst eine bestimmte Qualität haben.

Perfektion als Weg ins Burnout

Ungesunder Perfektionismus ist tief in uns drinnen mit Angst und Selbstzweifeln besetzt. Es sind Gedanken wie „Ist das schon gut genug?“, „Kann ich mein Ergebnis schon präsentieren?“, „Was sagen meine Kollegen oder der Chef?“ oder „Was ist, wenn jemand anderes eine bessere Lösung hat?“.

Dieser Perfektionismus kommt von außen. Er dient dazu Fehler zu vermeiden und beinhaltet die Angst nicht anerkannt zu werden.

Perfektion als Weg zur Zufriedenheit

Gibt es denn auch einen gesunden Perfektionismus? Ich glaube schon. Für mich bedeutet Perfektion etwas von Anfang bis zum Ende zu tun. Mit voller Aufmerksam bei der Sache zu sein. Und ganz wichtig: Ich definiere, wann das Ergebnis vollkommen ist und wann ich zufrieden bin.

Ist es mein ureigener Wunsch etwas für mich perfekt zu machen, führt das Ausleben meiner Perfektion zu tiefster Zufriedenheit. Ich schöpfe Kraft aus dem für mich perfekten Ergebnis meines Tuns.

Und jeder, der schon mal einen Flow erlebt hat, wird bestätigen: Arbeiten mit voller Konzentration im Hier und Jetzt setzt eine enorme Energie frei und bringt unglaubliche Ergebnisse hervor.

Und letztendlich ist es wichtig, dass es Menschen gibt, die Dinge gerne mit einem hohen Grad an Perfektion machen. Oder möchtest du dich von einem Chirurgen operieren lassen, der mit 80% zufrieden ist? Für jede Weltraummission ist Perfektion unerlässlich.

„Wenn du es schon tust, dann tue es richtig“

Dieser Satz aus einer Buddhistischen Geschichte geht mir schon seit geraumer Zeit nicht mehr aus dem Kopf. Wie viele Dinge tue ich eigentlich richtig oder perfekt?

Bin ich richtig für meine Tochter, für meinen Mann, für mein Business da? Wie oft bin ich in Gedanken bei den Dingen, die noch alle erledigt werden müssen? Wie oft beschäftigt mich ein Gespräch oder eine Situation aus der Vergangenheit?

Wenn ich mich dabei erwische, dass ich wieder einmal gedanklich woanders war, dann hilft mir meine Meditationspraxis. Liebevolles Wahrnehmen und den Fokus wieder auf das richten, was gerade dran ist.

Nur im Hier und Jetzt liegt meine Kraft. Ich kann nur hier Handeln und etwas verändern.

  • Was machst du perfekt in deinem Leben?
  • Wo würdest du gerne etwas mehr Zeit investieren, um es richtig machen zu können?
  • Gibt es Bereiche in deinem Leben, die dich unzufrieden machen, weil dir die Zeit fehlt sie richtig zu machen?

Die Ablenkungen unserer vernetzten Welt

Noch nie war es so einfach wie heute mit anderen Menschen in Kontakt zu bleiben. Ich habe auf Reisen und Seminaren viele Menschen kennengelernt. Mit manchen von Ihnen bin ich noch heute über Facebook in Kontakt, obwohl diese viele tausend Kilometer entfernt wohnen. Ich genieße es mit all diesen wunderbaren Menschen verbunden zu sein.

Ah ein *bling*. Schnell der Blick zum Handy. Vielleicht etwas Wichtiges. Meine Hand greift schon fast automatisch zum Telefon und mein Blick schweift von meinem Blogartikel ab. Halt, stopp. Habe ich mir nicht gerade noch vor 5 Minuten vorgenommen die Dinge richtig zu machen? Und schon wieder poppt eine Benachrichtigung von Facebook auf meinem Rechner auf. Nur mal kurz schauen. Vielleicht eine Reaktion auf mein E-Book.

Wir alle wollen dazugehören

Menschen sind Herdentiere. Für uns ist es wichtig gesehen zu werden und dazuzugehören. Der beste Beweis, dass wir für andere wichtig sind, ist, wenn Menschen an uns denken. Wenn Menschen sich für unsere Meinung interessieren und für das, was wir in die Welt schicken.

Auch in dem Unternehmen, in dem ich früher gearbeitet habe, gab es neben Telefon und Emails auch einen Chat. Dies war praktisch, um schnell mal eine Frage in die Runde zu senden, Termine zu vereinbaren oder unkompliziert Absprachen zu treffen. Es gab Zeiten, in denen fühlte ich mich verpflichtet, auf alle Anfragen aller Kanälen möglichst schnell zu antworten. Und jedes Mal unterbrach ich meine Arbeit.

Permanente Unterbrechungen zerstreuen unseren Geist

Die permanenten Unterbrechungen kosten uns ein Menge Zeit und auch ein Stück unserer Konzentration. Im Zeitmanagement ist dies als Sägeblatteffekt bekannt. Bereits nach einer kurzen Unterbrechung von wenigen Sekunden braucht das menschliche Gehirn einige Minuten, um wieder die vorhergehende Leistung zu erlangen. Mit jeder Störung wird es schwieriger an das vorherige Niveau anzuknüpfen.

Diese permanenten Unterbrechungen geben mir persönlich am Abend ein Gefühl von Unzufriedenheit. Das Gefühl nichts richtig gemacht zu haben. Ich saß viele Stunden am Schreibtisch, vor dem Rechner, mein Kopf schwirrt und das, was ich mir vorgenommen habe, ist nur teilweise erledigt. Ich kann manchmal nicht mal mehr genau sagen, was ich an diesen Tagen gemacht habe.

Dinge perfekt zu machen schafft Zufriedenheit

An einem Tag, an dem ich meinen Fokus auf meine aktuelle Aufgabe halten, arbeite ich ruhiger. Ich mache mehr Pausen und erledige mehr.

An diesen Tagen habe ich einen klaren Plan, was ich schaffen will. Wenn ich schreibe oder an einer Strategie arbeite, dann logge ich mich auf Facebook aus (dann bekomme ich nämlich auch keine Pop-ups mehr). Ich schließe meine Emailprogramme und stelle mein Handy auf lautlos.

Für die Kommunikation mit der Außenwelt, die mir nach wie vor wichtig ist, richte ich mir ein Zeitfenster ein. Dann telefoniere ich, beantworte Anfragen über WhatsApp und kommentiere auf Facebook. Und manchmal ist es gut einen Wecker zustellen. Oft fliegt die Zeit auf Facebook nur so dahin.

An diesen Tagen sind all meine Aufgaben erledigt und ich bin zufrieden mit den Ergebnissen. Für mich sind sie perfekt.

Und ganz wichtig: Zufriedenheit schützt uns zuverlässig vor Burnout.

Das Leben ist schön.

Herzliche Grüße,

Silke Wolf