Du schaust aber grün aus heute!“

Das waren die Worte meines Chefs als wir uns im Büro begegneten. Ich bin so sauer auf ihn. Anstatt, dass er mich unterstütz, muss ich mir auch noch diesen blöden Kommentar anhören.

Alles war aus den Fugen. Ich stand vor dem Spiegel und betrachte mein bleiches Gesicht und meine dunklen Augenringe. Er hatte ja recht. Trotzdem hätte ich mir Mitgefühl und Unterstützung gewünscht. Er, mein Unternehmen und dieses Projekt waren doch der Grund, dass ich in dieser Situation gelandet bin.

Jeder hatte irgendwelche Erwartungen an mich und zerrte an mir. Ich fühlte mich so unglaublich müde. Ich hatte nichts, aber auch gar nichts mehr zu geben. Ich fühlte mich leer. Ich konnte nicht mehr. In Gedanken ging ich immer wieder die Liste an Dingen durch, die sich verändern mussten, damit ich wieder ein „normales“ Leben führen konnte.

Wer ist denn nun schuld an meinem Burnout?

Dafür gab es einige Kandidaten!

  • Mein Unternehmen, das seiner Personalverantwortung nicht nachgekommen ist, mir keine ausreichende Unterstützung zur Seite gestellt hat?
  • Der Vertrieb, der dem Kunden immer mehr versprochen hat?
  • Mein Kunde, der immer mehr wollte? Und der trotz unserer immensen Anstrengungen, das Unmögliche möglich zu machen, nie genug bekam?
  • Meine Mitarbeiter, die ihre Arbeit nicht fertigbekommen haben?
  • Die fehlerhafte Software, die uns viele Stunden zusätzliche Arbeit bescherte?
  • Der Software-Hersteller, der seine Aufgaben nicht wahrnahm?
  • Mein Partner, der immer weniger Verständnis dafür hatte, dass ich meine ganze Kraft für dieses Projekt brauchte?
  • Meine Eltern, die mir beigebracht haben, dass es wichtig ist anderen zu gefallen? ….

Ich fühlte mich allein, verlassen und unverstanden

Mit all diesen Unwägbarkeiten und noch einigen mehr stand ich gefühlt vor einem Abgrund. Ich wusste keinen Rat, wie ich mit all diesen Erwartungen und Unwägbarkeiten umgehen sollte. Ich war ratlos, hilflos und manchmal ohnmächtig.

Am liebsten wäre ich davongelaufen, aber wohin?

Manchmal hatte ich die Vorstellung, ich klappe zusammen und liege im Krankenhaus. Ich liege im Bett. Jetzt darf ich mich ausruhen. Jetzt müssen alle verstehen, dass es nicht mehr geht.

Ein Zusammenbruch als Erlösung

Ich hatte tatsächlich einen Zusammenbruch. Ich musste nicht ins Krankenhaus. Ich war einige Wochen krank geschrieben, was für mich den Ausstieg aus dem Krisenprojekt bedeutete. Allerdings noch lange nicht den Ausstieg aus dem Burnout.

Und siehe da, das Projekt lief auch ohne mich weiter. Ich war immer der festen Ansicht ohne mich geht es nicht. Ich war der Wissensträger, der alle Fäden zusammenhielt.

Die erste wichtige Erkenntnis: Ich war tatsächlich nicht unersetzlich. Und ich hatte Zeit darüber nach zu denken, wer denn nun Schuld an meinem Burnout hat?

Mein Unternehmen ist schuld

Mein Vorgesetzter hat seine Personalverantwortung nicht wahrgenommen. Ich habe keine ausreichende Unterstützung und keine Ausbildung bekommen. Dem Kunden wurden immer mehr Zusagen gemacht. Wir wussten nicht einmal, wie wir die bestehenden Anforderungen erfüllen können.

Es war allerdings auch niemand mit der Peitsche hinter mir gestanden. Niemand hat mich dazu gezwungen nächtelang zu arbeiten. Ganz ehrlich gesagt, war es mein Ehrgeiz die vorgegebenen Termine einzuhalten, auch wenn diese völlig unrealistisch waren.

Das Projekt ist schuld

Der Kunde wollte immer mehr. Keiner wollte für eine Fehlentscheidung verantwortlich sein. Jeder Entscheidung musste ich hinterherlaufen.

Unser Kunde wollte für seine Mitarbeiter einfach nur das Beste. Da kein klarer Rahmen existierte, hat der Kunde diesen Rahmen verständlicherweise nach seinen Bedürfnissen interpretiert. Intern stand mit diesem Projekt wohl einiges auf dem Spiel. Jeder wollte seine eigene Position sichern, deshalb war es so schwer klare Aussagen zu bekommen.

Die Software ist schuld

Die eingesetzte Software war eine Katastrophe. Ein sogenannter „Early Bird“ mit einer Vielzahl an Fehlern und Unwägbarkeiten.

Anstelle auf die Fehlerhaftigkeit des Systems hinzuweisen und die Klärung dem Hersteller zu überlassen, haben ich versucht, all diese Fehler auszubügeln. Damit habe ich wieder einmal alle Verantwortung auf mich gezogen. Ist ja schön gebraucht zu werden.

Meine Mitarbeiter sind schuld

Manche Mitarbeiter brachten nicht die Leistung wie gewünscht. Immer wieder blieben Arbeiten liegen. Diese musste unter dem Rest der eh schon überlasteten Teammitglieder aufgeteilt werden. Oder ich habe sie in einer Nachtschicht gleich selbst erledigt.

Ich hatte tolle Mitarbeiter, die alle ihr Möglichstes gegeben haben. Sie haben mit mir ein unmöglich scheinendes Projekt gestemmt. Wir waren ein großartiges Team.

Hätte ich es geschafft, Termine platzen zu lassen, hätte mein Unternehmen wahrscheinlich tatsächlich verstanden, dass wir ernsthaft Unterstützung brauchen und meine Anfragen nicht nur leeres Gerede war.

Wer ist für deine Erschöpfung verantwortlich?

Wer sind die Schuldigen in deinem Leben?

=> Ist es dein Job, der dir die Luft zum Atmen nimmt?

=> Ist es dein Chef, der dich mit Aufgaben zuschüttet und nicht sieht, wie viel Energie du bereits in deine Aufgaben investierst?

=> Ist es deine Familie, die immer mehr Ansprüche an dich hat?

=> Ist es dein Partner, der nie zufrieden ist?

Auf der Suche nach Anerkennung

In all dem, was ich tat, war mein Motiv Anerkennung.

Anerkennung vom Kunden, von meinen Mitarbeitern, von meinem Unternehmen, von meinem Partner, …. Ich wollte allen zeigen, was ich kann und zu welchen Opfern ich bereit bin.

Ich wollte von allen gemocht werden. Ich wollte dazugehören. Ich habe versucht es allen Recht zu machen.

Ich habe einen Kampf gekämpft, den ich nach genauerem Hinschauen gar nicht gewinnen konnte. Ich hatte Angst Dinge anders zu machen und mich damit aus meiner Komfortzone heraus zu bewegen.

Was ist deine Motivation?

Warum tust du, was du tust? Mal ganz ehrlich.

=> Machst du deine Überstunden nur für deinen Chef und dein Unternehmen?

=> Erfüllst du all die Wünsche deiner Familie nur für deinen Mann und deine Kinder?

Was ist dein wahres Motiv dahinter? Möchtest du geliebt, anerkannt oder gesehen werden?

Verantwortung statt Schuld?

Aus der heutigen Perspektive war keiner Schuld an meinem Burnout. Nicht einmal ich. Lediglich mein Verhalten und meine Gewohnheiten, haben mich in die absolute Erschöpfung geführt.

In meiner heutigen Welt gibt es so etwas wie Schuld nicht mehr. Es gibt auch kein Richtig und kein Falsch.

Es gibt lediglich mein Verhalten, das mich zu meinem Ziel bringt oder mich davon entfernt.

Diese Sichtweise hat mir geholfen aus der Rolle des Opfers auszusteigen und Verantwortung für mein Leben und meine Entscheidungen zu übernehmen.

Und es gibt mir die absolute Freiheit. Die Freiheit, mein Leben selbst zu gestallten. Ich muss nicht mehr warten, dass andere Menschen ihr Verhalten ändern. Dafür bin ich aus tiefstem Herzen dankbar!

 

Das Leben ist schön.

Herzliche Grüße,

Silke Wolf