Burnout und Stress sind ein allgegenwärtig

Egal wo ich meine Vorträge halte, wo ein Gespräch auf meine Berufung kommt, wo sich Menschen unterhalten: der Satz „Ich bin heute im Stress“ ist allgegenwärtig. Stress und unsere Leistungsgesellschaft werden schnell zu einem oft sehr emotional diskutieren Thema. Nahezu jeder hat dazu etwas zu berichten. Seien es eigene Erfahrungen, die von Angehörigen oder Freunden.

Unternehmen kämpfen zunehmend mit hohen Kosten verursacht durch Burnout. Diese entstehen nicht nur durch die steigenden Ausfallzeiten und die wachsende Fluktuation der Mitarbeiter. Diese entstehen auch durch die oft unterschätzten Kosten, welche durch Fehlentscheidungen, unzufriedene Kunden und demotivierte Mitarbeiter entstehen.

Unglaublich viele Menschen haben bereits eine Burnout-Erfahrung hinter sich. Manche haben sich die Spirale bis zum Ende angeschaut, andere sind die Stressspirale schon einmal weit nach unten gegangen. Sie haben meist die Warnsignale ihres Körpers recht deutlich zu spüren bekommen und haben rechtzeitig die Reißleine gezogen.

Menschen, die noch keine nähere Erfahrung mit dem Ausbrennen ihres Körpers gemacht haben, spalten sich meist in zwei Lager.

Lager 1: Das ist doch alles nicht so schlimm

Manchmal werde ich gefragt: „Sag mal, das mit dem Burnout ist ja schon etwas übertrieben, oder? Kann man nicht einfach mal früher nach Hause gehen, eine Runde schlafen und gut ist es? Oder ein Urlaub? Man kann doch nicht mehr gar nichts mehr tun. Und wenn ich gar nichts mehr tue, dann kann es mir doch auf Dauer nicht bessergehen, oder?“

Das sind aus meiner Sicht Menschen, die augenblicklich sehr weit von einem Burnout entfernt sind und noch nie nähere Bekanntschaft damit gemacht haben. Diese Menschen lieben ihre Aktivität und ihre Selbstwirksamkeit und können sich nicht vorstellen von ihrem Alltag oder Ihren Aufgaben überfordert zu sein.

Information schafft Verständnis

Wenn Du zu diesen Menschen gehörst, dann gratuliere ich Dir zu Deiner Gesundheit und Deiner Vitalität. Für Dich ist es wichtig zu verstehen, dass ein Mensch im Burnout nur noch bedingt etwas mit dem Menschen zu tun hat, den Du kennengelernt hast.

Eine der direkten Auswirkungen von permanentem Stress ist, dass die Botenstoffe, die das Gehirn mit Informationen versorgen, aus dem Gleichgewicht gebracht werden. Somit übernimmt das Angstzentrum die Kontrolle und die negative Denkweise nimmt zu, womit sich auch wiederum der Stresslevel erhöht.

Bei mir sind diese Zustände negativen Denkens gekommen und gegangen. Manchmal habe ich mich auch in dieser Zeit der Situation absolut gewachsen gefühlt, und alles war gut. Dann kam ein kleiner Trigger, aus heutigen Sicht eine Nichtigkeit, die mich in das absolute Chaos gestürzt hat. Alles war gefühlt eine einzige Katastrophe ohne Ausweg.

Lager 2: Burnout als Auszeichnung

Es gibt auch noch die Menschen, die Burnout als eine Errungenschaft ihrer Leistungen ansehen. Zu dieser Kategorie gehörte ich damals. Ich habe mich aufgeopfert zum Wohle des Unternehmens.

Das klingt heute für mich ziemlich pathetisch und sehr schräg. Tief in mir drinnen habe ich jedoch daran geglaubt und ich habe nach dieser Devise gehandelt. Ich war persönlich beleidigt, wenn jemand mein Opfer nicht wertgeschätzt hat. Ich war auf der Suche nach Anerkennung.

„Burnout ist die Krankheit der Fleißigen…“

Ich stutze. Am liebsten würde ich aufspringen und sagen das ist absoluter Nonsens.

Ich sitze in einem Vortrag über Burnout. Eine Dame von der Krankenkasse erzählt etwas über Burnout und seine Auswirkungen. Das kann doch nicht ihr ernst sein. Würde ich heute noch einmal in so einem Vortrag sitzen, müsste ich intervenieren.

Was bedeutet Fleiß eigentlich?

Laut Wikipedia stammt das Wort Fleiß von dem germanischen Wort Kampfeseifer (oder Streit) ab und bedeutet arbeitsame Zielstrebigkeit.

Aus meiner heutigen Sicht hatte mein Verhalten zu dieser Zeit sehr wenig mit Zielstrebigkeit zu tun. Mich und meinen Körper so auszubeuten, dass ich kaum noch meinen Alltag bewältigen konnte, war mit Sicherheit auch dem Ziel des Projekterfolges nicht wirklich dienlich. Und meiner tiefer sitzenden Motivation, dem Wunsch nach Anerkennung, hat es mich auch keinen Schritt nähergebracht.

Nur fleißige Mitarbeiter bekommen ein Burnout?

Das ist ein Glaubenssatz, den kein Unternehmer und keine Führungskraft in ihrem Unternehmen installieren möchte. Was bedeutet dieser Satz?

  • Wer nicht fleißig ist, bekommt kein Burnout?
  • Wer kein Burnout möchte, darf nicht fleißig sein?
  • Immer wenn ich fleißig bin, laufe ich Gefahr ein Burnout zu bekommen?

Ja, einer der Gründe für mein Ausbrennen war in meinem Fall die erhöhte Arbeitszeit. Das hat jedoch nichts mit Fleiß zu tun. Ich wollte es allen recht machen und habe mich unersetzlich gefühlt. Andere wollen keinen Fehler machen oder können keine Verantwortung abgeben. Wieder andere glauben, ihre Arbeit ist nur etwas wert, wenn sie sich anstrengen müssen.

Was ist denn nun Burnout?

Burnout beschreibt einen Prozess.

  • Es beschreibt den Prozess, was mit unserem Körper, unserem Geist und unserer Seele passiert, wenn wir uns dauerndem negativem Stress aussetzten.
  • Es ist das, was passiert, wenn wir alle Hilferufe ignorieren und einfach weitermachen.
  • Es ist das, was passiert, wenn wir mehr Energie verbrauchen als zurückfließt bzw. wir uns holen.
  • Burnout ist Ausdruck unserer Inneren Haltung.

Was passiert im Burnout?

Die Inhalte der Geschichten unterscheiden sich oft sehr stark. Die Struktur eines Burnout ist jedoch stets gleich.

  1. Zwang sich zu beweisen: Am Anfang stand eine Win-Win-Situation. Das Unternehmen, das Projekt, welches mir die perfekte Plattform für die Kür meines Lebens bot.
  2. Verstärkter Einsatz: Ich erhöhe den Einsatz. Wenn ich das gestemmt habe, dann habe ich es allen gezeigt.
  3. Subtile Vernachlässigung eigener Bedürfnisse: Ich hörte auf Sport zumachen. Ich traf keine Freunde mehr. Meine Familie musste warten. Selbst für gesundes Essen war keine Zeit.
  4. Verdrängung von Konflikten und Bedürfnissen: Ich ignorierte die Unzufriedenheit meines Mannes. Freunde, die meiner Zeitnot mit Unverständnis begegneten, konnte ich nicht verstehen. Ich hatte keine Zeit mich um diese Themen zu kümmern. Das musste warten.
    Meine erhöhten Erwartungen an mich übertrug ich auch auf meine Kollegen. Nicht alle waren darüber erfreut.
  5. Umdeutung von Werten: Soziale Kontakte wurden in meinen Augen völlig überbewertet. Die Arbeit und mein Projekt standen über und vor allem. Nur durch meinen Einsatz konnten wir erfolgreich sein. Mein Horizont wurde immer schmaler.
  6. Verstärkte Verleugnung auftretender Probleme: Die ersten Leistungseinbrüche und emotionalen Ausbrüche im Projekt versuchte ich zu ignorieren. Die beginnenden körperlichen Symptome überging ich oder ich fand fadenscheinige Erklärungen.
    Mein Ton gegenüber meinen Mitmenschen wurde immer härter. Ich war äußerst ungeduldig. Die Schuld fand ich immer häufiger bei anderen oder bei den äußeren Umständen.
  7. Rückzug: Privat begann ich mich als erstes zurückzuziehen. Jede Kritik und jede Frage von meinem Mann war eine Belastung. Ich hatte keine Lust mehr Freunde zu treffen. Auch telefonieren war mir oft zu viel. Ich wollte immer öfter meine Ruhe.
  8. Beobachtbare Verhaltensveränderungen: Meine frühere Fröhlichkeit und meine Liebe zu den Menschen und dem Austausch, war völlig verloren gegangen. Ich konnte nicht mehr lachen. Fröhliche Menschen waren mir ein Gräuel.
    Je mehr ich mich selbst verlor und innerlich in ein Chaos stürzte, desto mehr brauchte ich Ordnung im Außen.
  9. Depersonalisierung / Verlust der Persönlichkeit: Ich war unfähig Beziehungen zu leben. Jeder Wunsch und jede Kontaktaufnahme meines Mannes empfand ich als Forderung. Ich hatte nichts mehr zu geben, das musste er doch sehen. Ich konnte mich selbst nicht mehr wahrnehmen und verlor Zunehmens den Bezug zu meiner eigenen Person.
  10. Innere Leere: Ich fühlte mich kalt und leer. Gefühlt ging jeden Tag ein Stück mehr von mir verloren.
  11. Depression: In meinem Job habe ich einfach funktioniert. Es ging einfach immer weiter. Als ich nach Hause gekommen bin, bin ich regelrecht zusammengebrochen und war zu nichts mehr fähig.
    Was, wenn ich aus diesem Loch nicht mehr herauskomme? Ich kann doch nicht ewig so weiterleben. Ich wünschte mir einen Zusammenbruch. Wenn ich im Krankenhaus lag, konnte keiner mehr etwas von mir wollen und ich durfte endlich ausruhen.
  12. Völlige Burnout-Erschöpfung: Bei einem Wochenendeinsatz, an dem wir unser System zurückrollen mussten, war es dann so weit. Ich hatte unerträgliche Kopfschmerzen und ich musste mich übergeben. Ich saß völlig apathisch vor dem Computer und spielte Sudoku, weil nichts mehr Anderes möglich war. Das war für mich der Ausstieg aus dem Krisenprojekt.

Burnout ist ein Syndrom

Burnout ist keine Einzelerkrankung, sondern umfasst nach heutigem Stand der Wissenschaft mehr als 130 Symptome. Deshalb gibt es auch keine klare Diagnose.

Zu den drei Hauptsymptomen gehören:

  • Emotionale Erschöpfung: Totale Erschöpfung und Überforderung
  • Eingeschränkte Leistungsfähigkeit: Bis hin dazu, dass der Alltag nicht mehr bewältigt wird.
  • Depersonalisierung: Verlust der Beziehungsfähigkeit und der Beziehung zu sich selbst.

Dauerstress hat weitreichende körperliche Auswirkungen auf unseren Körper und kann schwere Erkrankungen wie Herzinfarkt, Diabetes und vieles mehr auslösen. Für mehr Details bitte hier klicken.

Forscher der Zellbiologie wie Bruce Lipton haben mittlerweile nachgewiesen, dass 95% aller Krankheiten stressbedingt sind. Die restlichen 5% sind genetisch bedingt. Sollte das nicht eine große Motivation sein mehr Leichtigkeit und Freude in unseren Arbeitsalltag und unser Leben zu bringen?

Burnout ist eine ernst zu nehmende Erscheinung unserer Zeit.

Burnout ist ein Weg, der in Depression, schwere Krankheit und nicht selten in den Selbstmord führt. Für mich ist Burnout ein ernstzunehmendes Zeichen unserer Leistungsgesellschaft, unserer Ansprüche an uns und unser Leben.

Prävention lohnt sich auf allen Ebenen. Es ist ein Gewinn für die Gesundheit jedes Einzelnen. Die Kosten für die Wirtschaft und unser Krankensystem sind immens. Jeder, der einen Weg aus dem Stress gefunden hat, dient als Vorbild für andere Menschen.

Der Weg aus dem Stress beginnt immer mit einer Entscheidung, mit der Entscheidung kein Opfer mehr zu sein. Jeder hat die Chance die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und den Weg raus den Stress hinein ins Leben zu gehen. Es lohnt sich!!!

 

Das Leben ist schön.

Herzliche Grüße,

Silke Wolf